Fernpunkt

Müssen wir uns vom Tier unterscheiden?

Kurz: Gern werden Verhaltensweisen damit begründet, dass man sich durch sie vom Tier abhebt. Aber sich formal von jemandem zu unterscheiden, den man als niedergestellt betrachtet, ist kein rationales oder edles Motiv. Es ist billige Eitelkeit.

Warum helfen wir einander? Weil es das ist, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Warum stellen wir Regeln auf und halten uns daran? Weil es das ist, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Warum essen wir mit Messer und Gabel, statt die Finger zu benutzen? Weil es das ist, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

All diese Begründungen sind Unsinn. Wir tun diese Dinge, und wir haben unsere Gründe dafür. Der Grund ist aber in keinem Fall der, dass der Mensch sich dadurch stärker vom Tier abhebt. Die Idee, eine Sache sei wichtig, weil Menschen sie tun, Tiere aber nicht, lässt sich leicht ad absurdum führen. Wäre dies ein gültiges Argument, dann würde beliebiger Unsinn sich selbst als wichtig begründen, sobald er nur von hinreichend vielen Menschen betrieben würde. Wir könnten beginnen, uns täglich gegenseitig Sahnetorten ins Gesicht zu werfen. Zur Sitte geworden, wäre das ein typischer Unterschied zwischen Mensch und Tier - und allein deshalb wichtig. Auch reale Beispiele lassen sich durchaus finden. Tiefgläubige Menschen in Regionen, die seit Generationen nicht zum technischen oder kulturellen Fortschritt der Weltgemeinschaft beigetragen haben, blicken auf westliche Atheisten herab wie auf niedere Kreaturen in der Wahnvorstellung, es sei der Glauben an einen Gott, was den Menschen vom Tier abhebt.

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Shevs

Natürlich gibt es Dinge, die uns vom Tier unterscheiden und auch wichtig sind, aber das eine ist nicht der Grund des anderen. Das Argument vom Unterschied, das sich als das edelste und größte aufspielt, ist in Wahrheit so ziemlich das dümmste. Wenn es vorteilhaft ist, sich anders als Tiere zu verhalten, dann braucht man das Argument nicht; der Vorteil ist als Grund völlig ausreichend. Wenn es dagegen nicht vorteilhaft ist, dann läuft die Denkweise darauf hinaus, Unvorteilhaftes zu tun und Vorteilhaftes zu unterlassen, nur um sich von denen zu unterscheiden, denen man sich überlegen glaubt. Es handelt sich nicht um ein vernünftiges Argument, sondern schlicht um Eitelkeit. Etwa so, wie man in der Schule auf keinen Fall das gleiche T-Shirt haben will wie der unbeliebte Klassenstreber.

Was den Menschen tatsächlich vom Tier unterscheidet, sind andere Vorlieben, andere körperliche und geistige Gegebenheiten und folglich andere Möglichkeiten. Das resultiert zwangsläufig in einer ganzen Reihe von anderen Praktiken und anders getroffenen Entscheidungen. Wenn aber die Umstände dem Menschen etwas empfehlen, das ganz ähnlich auch von Tieren getan wird: bittesehr! Es liegt darin nichts Falsches.

09.10.2011

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